FEUERSCHRIFT

FEUERSCHRIFT FEUERSCHRIFT
Werke von Frank Michael




Track-Liste:

Feuerschrift op. 88 (1999) für Oboe, Violoncello und Klavier
1. 3:56
2. 3:56
3. 3:19


Streichquartett Nr. 6 op. 96 (2001/2002) "dona nobis pacem"
4. 3:33
5. 1:24
6. 1:21
7. 1:30
8. 1:46
9. 1:02
10. 1:42

Crying Game op. 77 (1996) für Saxophonquartett
11. 6:45

Arkadische Musik op. 85 (1999) für Bassetthorn und Streichtrio
Andante pastorale - Kanon I, allegretto pastorale - Scherzo / tempo di Valse - Notturno - Kanon II, allegro con fuoco / Coda pastorale
12. 4:05
13. 1:46
14. 2:30
15. 3:12
16. 3:19

Die Straßen singen, die Steine reden op. 76 (1995) "Hommage à Henry Miller" für Flöte, (Baß)Klarinette, Posaune, Violine, Violoncello, Kontrabaß und Klavier
26.12. 1891 im Labyrinth monotoner Straßen - Mezzotinto astrologico I - Ein Zwischenspiel - Rue de la Gaîté - Mezzotinto astrologico II - Insomnia - Coda "Il me semble, que les oiseaux sont ivres!"
17. 0:25
18. 3:01
19. 2:13
20. 4:47
21. 2:31
22. 2:03
23. 2:56
24. 0:58

Nocturnal op. 68 (1994) "Hommage à Anaïs Nin" für Flöte und Gitarre
25. 4:12
26. 2:44
27. 3:02

Vorbemerkung

Frank Michael Alle Werke dieser CD entstanden innerhalb von 7 Jahren, von 1994 - 2001, ausnahmslos als Auftragswerke, eines davon (Nocturnal) im Auftrag des Kultusministeriums Baden-Württemberg, eines (6. Streichquartett) als Auftrag des Musikverlages Zimmermann. Analog eines work in progress gibt es bei allen Unterschieden zahlreiche Verbindungen der Werke untereinander. So sind z.B. der Beginn des Mittelteils von Nocturnal ebenso wie der Beginn des "Insomnia"-Teils aus "Die Stra├čen singen..." Varianten voneinander. Auch haben in allen Werken (in der Regel leicht veränderte in den eigenen Stil eingeschmolzene) Zitate immer auch einen direkten Bezug zur Thematik des Werkes oder weisen auf andere Werke hin. Der besonders seit den 80-er-Jahren sehr verstärkten Verwendung von Ton- und Zahlensymbolik, sozusagen einer subkutan verlaufenden Bedeutungsebene, kommt ab 1995 zunächst noch die Verwendung von Horoskop-Reihen hinzu, melodische und harmonische Reihengestaltungen, die aus den Radices "handelnder" Personen gewonnen wurden und erstaunlicherweise immer sehr gut geeignet sind, diese zu charakterisieren. Auch wenn seit der "Arkadischen Musik" wieder die Musik als Absolutum in den Vordergrund drängt, sind einerseits unterschwellig vorhandene Symbole sicher weiterhin wirksam, da sie beim Komponieren inzwischen sozusagen nebenbei entstehen, andererseits sind Werke, die außermusikalisch definiert scheinen, auch immer als absolute Musik hörbar. Denn: es komponiert durch mich, in mir. Igor Strawinsky, ein eher ganz nüchterener Typ seiner Zunft, sagte einmal: Sacre sei durch ihn hindurchgegangen, er hätte es "nur" aufgeschrieben. Diese Erfahrung kann ich in gewisser Weise nur bestätigen.
Alle Werke dieser CD sind Konzertmitschnitte der Auftragsgeber bzw. Widmungsträger, denen ich an dieser Stelle für all die wunderbaren Stunden der Zusammenarbeit, für die schönen Aufführungen und für die Freigabe dieser authentischen Live-Mitschnitte danken möchte.
Allerdings: Ohne den begeisterten Mut und den unermüdlich intensiven Einsatz von Veronica Kraneis wäre diese CD nur ein schöner Traum geblieben. Deshalb sei ihr mein ganz besonderer Dank ausgesprochen.

Frank Michael

Frank Michael 2 Frank Michael, am 3.2.1943 in Leipzig geboren, aufgewachsen in Marburg an der Lahn, studierte Komposition (Richard Rudolf Klein und Kurt Hessenberg), Flöte (Willy Schmidt) sowie Schulmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik Frankfurt a. M. und nahm an den Internationalen Ferienkursen Salzburg (Karlheinz Zöller) und Tagungen des Instituts für Neue Musik Darmstadt teil.
1984-94 war er Dozent für Tonsatz an der Musikhochschule Frankfurt sowie später auch Formenlehre / Analyse und Neue Musik an der Musikhochschule Mannheim / Heidelberg. 1990/91 und 94 war er auch als Dozent im Schloß Weikersheim bei "Schüler komponieren - Treffen junger Komponisten" der "Jeunesses musicales Deutschland" tätig.
Einige Neue-Musik-Reihen gehen auf Michaels Initiative zurück, so das "Marburger Studio" oder die "Neue Reihe - Musik im 20. Jahrhundert" in Freiburg. Seit 1971 ist er Mitglied der "Camerata Instumentale Freiburg", nach dem Tode Sigrid Eppingers übernahm er 1985 die Leitung des Ensembles und die Organisation der sommerlichen Serenaden im Historischen Kaufhaus.
Von 1971-1974 Stipendiat der Mozart-Stiftung von 1838 der Stadt Frankfurt a. M. erhielt Michael 1975 den Förderpreis zum Johann-Wenzel-Stamitz-Preis, 1976 den Stuttgarter Förderpreis und 1984 den Förderpreis zum Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg.
Frank Michaels Schaffen ist geprägt durch einen großen Ausdruckswillen, der einerseits zu einer Erweiterung der Spieltechniken (vor allem in den Jahren 1970-1984), andererseits zu einer zusätzlichen Chiffrenschicht (Zitattechniken, Ton- und Zahlensymbolik) führte. Sehr stark durchdringen sich poetische und konstruktive Elemente, verschlüsselt spielen immer wieder elementare Themen wie Tod, Erotik oder Natur eine große Rolle.
Frank Michael lebt als freischaffender Musiker bei Freiburg.


Feuerschrift
Musik für Oboe, Violoncello und Klavier
op. 88


Meine Musik für Oboe, Violoncello und Klavier op. 88 "Feuerschrift" entstand 1999 für das Trio pianOVo und ist auch diesem Ensemble gewidmet. Noch längere Zeit nach Kompositionsabschluss lag kein Titel vor. "Nur" Musik also - teilweise auch Musik über Musik: So wird bruchlos über eine minimale Verwandlung des Hauptmotivs in der Mitte des 1. Teils eine Fantasieskizze über den Beginn des 2. Satzes von Beethovens 2. Sinfonie integriert, und in allen Sätzen werden Varianten eines Faustmotivs aus Liszts Faust-Symphonie versteckt. Natürlich hängt dies mit einer Musik für Weimar zusammen...


Streichquartett Nr. 6 "dona nobis pacem" op. 96

Das 6. Streichquartett entstand vom 11. 12. 2001 bis 4. 1. 2002 unter dem Eindruck von Terror und Krieg. "Dona nobis pacem" - eigentlich weniger ein Gebet an Gott - dies zweifellos auch - so denn eher ein Appell an alle Menschen. Gebt euch (selbst) Frieden! Ein frommer Wunschtraum gewiß, ebenso wie derjenige, mit solch (zurückgenommener) Kunst etwas bewirken zu können. Und dennoch, so sinnlos es erscheinen mag, gegen Terror und Krieg kann man nur "Kultur" setzen, eine Kultur, die von Sympathie und Toleranz geprägt sein muß. Und so hat dieses Quartett auch 180 Takte, ist doch die 18 (als zweifache 9) eine heilige Zahl in allen Weltreligionen: Judentum, Christentum, Islam, aber auch Hinduismus und Buddhismus. Der gesamte Titel des Werkes ergibt die Zahl 576. In ihr ist in doppelter Weise die 24 verborgen, als 24x24 und √576 = 24 . Die Zahl der Totalität. Und auch die Anzahl der Buchstaben des griechischen Alphabets und der musikalischen Töne: Musik als klanggewordene Zahl, als Hinweis auf die Sphärenharmonie.
Schon immer hat mich das Agnus Dei in Beethovens Missa solemnis - und daraus besonders die a-capella Bitte um Frieden so sehr berührt. Dieses Motiv durchzieht in immer neuer Beleuchtung mehr oder weniger verschleiert das ganze Quartett, eine Fantasie über dieses Motiv. Gegenpol bildet das Renaissance-Lied L'homme armé, das im Parodieverfahren so vielen Messen (!) als Grundlage dient, - und am Ende verbindet sich Beethovens "Dona nobis pacem" mit dem Hauptmotiv der missa da pacem von Josquin Desprez.


Crying Game op. 77

Crying Game: ein einziger Widerspruch, ein Paradoxon wie das Leben. Schon der Titel: wie ist Schreien, ist Weinen und Spiel zusammenzubringen?
In dem Erotikthriller "The Crying Game" von Neil Jordan wird es Wirklichkeit: eine manchmal erschreckende Zärtlichkeit und Zuwendung neben einer ebenso brutalen, erschreckenden Konsequenz im Handeln, ein Licht und Schatten einbeziehendes Leben, personifiziert in der wunderschönen, faszinierenden, androgynen Dil.
Dies Werk also eine Hommage an einen zutiefst beeindruckenden Film, aber auch eine Hommage an das Saxophon, daß wie kein anderes Instru- ment wohl Sinnlichkeit, Erotik, Zärtlichkeit neben Brutalität, Melancholie und Trauer auszudrücken vermag.
Crying Game enstand 1996 im Auftrag der Saxophonisten Thomas Sälzle, Dieter Kraus, Guntram Bumiller und Stefan Eger und ist diesen auch gewidmet.


Arkadische Musik op. 85

Der pastorale Charakter des Bassetthorns hat mich schon lange fasziniert. So erhielt die zunächst titellose Musik schließlich den Namen "Arkadische Musik", was dann dazu führte, daß im Schlußteil des Werkes ein verstecktes Zitat aus Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" und zwar "Als ich noch Prinz war in Arkadien..." frei zitiert erscheint. Ebenso finden sich noch einige weitere versteckte Halbzitate in diesem Werk, so vom pastoralen Beginn der wunderbaren bukolischen Oper "Daphne" von Richard Strauß, ein Werk in dem das Bassetthorn eine wichtige Rolle spielt.
Das Werk ist Martin Litschgi gewidmet.


Die Straßen singen, die Steine reden op.76

"Die Straßen singen, die Steine reden" ist eine Hommage à Henry Miller. Der Ausgangspunkt: die Biographie - im wesentlichen aber auf die frühen Jahre in New York und Paris beschränkt. Das Tonmaterial aus den Geburtshoroskopen und Compositen von Miller, seiner Frau June und Anais Nin entwickelt. Ein schillerndes Künstlerleben, überschäumend, begeisternd, zeitweise in Elend und Hunger dahinvegetierend, verzweifelnd in der Not, clownesk, gargantuesk, ein Amerikaner in Paris, voll Liebe, voll Anarchie und Haß, voller Romantik und voll Weisheit in allen ihren Widersprüchen. Ein Künstler, der die Liebe, die Macht der Sexualität und das Leben besang, ein Leben, am 7.6.1980 um 16..35 Uhr verlöschend, erlöst in's Licht nach 32304 Erdentagen. "Il me semble, que les oiseaux sont ivres".


Nocturnal op. 68

Obwohl Nocturnal auch als "absolute" Musik hörbar ist, seien doch einige Hinweise auf zusätzliche Dimensionen gegeben. Als "Hommage à Anais Nin" spielen ton- und zahlensymbolische Vernetzungen eine große Rolle, z. B. besonders deutlich in Takt 217, wo die Töne von Anais Nin und Henry Miller - A-ais + H-e (bzw. H - Mi) - als Doppelton in der Flöte und glissando in der Gitarre, verflochten erscheinen und gleichzeitig die Zahl 217 u.a. "Hommage à Anais N. und Henry M." ergibt. Bekanntlich inspirierten die Schriftsteller A.N. und H.M. sich gegenseitig, besonders in der Zeit ihrer leidenschaftlichen Liebe Anfang der Dreißiger Jahre. So ergibt selbst die Opus-Zahl einen Sinn: 68 = Lust = ANHM + Paar ( = 34 + 34). Selbstverständlich sind die Metronomzahlen (z.B. 42 = Anais) auch Bedeutungsträger.
Der Titel Nocturnal soll einerseits - im Gegensatz zum divertimentohaften "Notturno" oder träumerischen "Nocturne" - mehr auch die abgründigen Dimensionen einer Nachtmusik verdeutlichen, andrerseits ist Nocturnal der Titel von Edgar Varèses letztem Werk, dem Textfragmente aus Anais Nins "House of Incest" von 1924 zugrunde liegen. So wird aus diesem Werk eine Stelle frei zitiert.
Nocturnal entstand im Auftrag des Landes Baden-Württemberg (Ministerium für Kunst)

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